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Der demografische Wandel hinterlässt bei der Jugendarbeit im ländlichen Raum seine Spuren.

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Interview mit Ulli Schäfer, stellvertretender Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses Landkreis Greiz.

Herr Schäfer, ist die kurzzeitige Schließung des Jugendclubs in Münchenbernsdorf ein Vorgeschmack auf das, was noch auf den ländlichen Raum zukommt?
In den nächsten Jahren werden viele Veränderungen auf uns zukommen. Jugendarbeit auf dem Land ist genauso wie in der Stadt mit freiwilligen Ausgaben verbunden und auch dem demografischen Wandel. Im Landkreis Greiz sank die Zahl der Jugendlichen von 2008 bis 2012 um 4000. Die mittelfristige Tendenz wird auch so bleiben, so dass sich natürlich auch die Ausgaben für die Jugendarbeit den geänderten Bedingungen anpassen müssen. Spannend ist die Frage, wie wir künftig mit dieser Entwicklung umgehen.

Die Konsequenz der sinkenden Zahl von Jugendlichen bedeutet die Schließung der Räume als Folge?
Ja, darauf kann es hinauslaufen. Wir müssen eine Antwort finden auf die Frage, ob es gerechtfertigt ist, so einen Raum vorzuhalten, obwohl dieser nur durch wenige Jugendliche aufgesucht wird. Nicht dass wir uns falsch verstehen, jeder Jugendliche ist uns wichtig, jedoch darf man angesichts knapper Kassen auch den Nutzen der finanzierten Maßnahmen nicht außer Acht lassen. Bei zum Teil oftmals weniger als zehn Nutzern pro Tag kann man bezweifeln, ob dieser Jugendclub geeignet ist, die Masse der Jugendlichen zu erreichen. Ich kann die Diskussionen bedingt nachvollziehen, bei denen überlegt wird, das Geld in andere freiwillige Leistungen zu investieren.

Zum Beispiel?
Etwa in eine Bibliothek oder Sommerbad, diese besuchen Menschen vieler Generationen.

Wofür plädieren Sie?
Das muss man abwägen und individuell entscheiden.

Bleiben wir doch beim Sommerbad. Verglichen mit einem Jugendclub hat dies aber auch andere Aufgaben...
Sie spielen auf pädagogische Aufgaben an. Das stimmt, aber auch in Jugendclubs ist das mit Fachkräften wie Erziehern oder Pädagogen im Idealfall möglich und diese können sich viele Gemeinden nicht leisten. Das ist das Dilemma in der Jugendarbeit vieler Kommunen, weshalb die Stellen über den dritten Arbeitsmarkt wie Ein-Euro-Jobs oder dem Bundesfreiwilligendienst besetzt werden müssen. Diese Freiwilligen leisten eine super Arbeit und ohne sie wären die Räume komplett geschlossen.

Was ist also die Lösung?
Den Landkreis Greiz haben wir in drei Sozialräume unterteilt. Hier sind erfahrene Erzieher und Sozialarbeiter für bestimmte Regionen zuständig - sie geben fachliche Anleitung und unterstützen die Mitarbeiter des dritten Arbeitsmarktes. Ich finde, das ist ein guter Weg. Wir müssen weg von den einzelnen Orten und dagegen in die Fläche. Die Sozialarbeiter agieren von Bad Köstritz, Ronneburg und Weida aus. Dieses Sozialraummodell vom Landkreis Greiz hat Zukunft und unterstützt nicht nur die Jugendlichen in den Clubs, sondern auch in den Brennpunkten und Vereinen.

Das Münchenbernsdorfer Problem bestand aber darin, dass sich niemand für die Stelle fand...
Ja. Es bewarb sich niemand auf diese Stelle. Das ist eine Sorge vieler Gemeinden. Vor fünf Jahren war das noch anders. Damals war es kein Problem, Interessenten zu finden.

Sie können die Leute ja nicht zwingen...
In Münchenbernsdorf kann man nur darauf hoffen, dass sich weiterhin Freiwillige finden - so wie es jüngst auch gelungen ist. Bevor Clubs geschlossen werden, dann wäre eine Alternative mit Vereinen und Verbänden sinnvolle Freizeitbeschäftigungen zu organisieren. Beispielsweise gibt es viele Bereiche extra auch für Jugendliche, wie der Sport mit all seinen Untergliederungen, die Schützengesellschaft, der Motorsport, die Chöre, die Feuerwehr und das Rote Kreuz. Gerade im ländlichen Raum sind Vereine eine wichtige Säule des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Dies wäre für beide Seiten von Nutzen, da auch die Vereine auf diesem Wege potenzielle neue Mitglieder gewinnen könnten.

Sind privat geführte Jugendclubs eine Alternative?
Das sehe ich kritisch. Wichtig ist, dass eine Kommune, ein anerkannter Verband in der Kinder- und Jugendarbeit oder ein Verein dahintersteht, so dass die Jugendlichen auch fachlich betreut werden. Denn wir wollen keine Orte für Extremismus schaffen.

Aber was gibt es für Jugendliche, die keinem Verein beitreten wollen, sondern einfach nur einen Raum brauchen, um sich mit anderen zu treffen?
Auch wenn ein Jugendclub in Trägerschaft von einem Verein ist, müssen die dortigen Jugendlichen nicht Mitglied in diesem Verein sein. Neben diesen Möglichkeiten besteht auch ein Angebot in der Schule sowie zur außerschulischen Jugendarbeit. Die Frage ist, muss die Gemeinde einen separaten Ort schaffen, in dem sich nur einzelne Jugendliche aufhalten können ohne eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, ohne Hausaufgabenhilfe und ohne Ansprechpartner bei Nöten und Problemen? Ich denke, das muss sie nicht. Wir können auch auf die Vorteile unserer offenen Jugendarbeit hinweisen, es ist neben einer anspruchsvollen, auch eine dankbare Tätigkeit, zu sehen, wie sich die Jugendlichen zu Erwachsenen entwickeln.

Martin Gerlach / 12.04.14 / OTZ

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